Ist Linux im Kleingewerbe problemlos einsetzbar?

Vor vielen Jahren schon habe ich einer Bekannten immer wieder erzählt wie toll Linux im Vergleich zu Windows ist. Wir saßen zusammen, ich zeigte ihr immer wieder was so toll ist und was es wie viel schneller kann und erklärte ihr, wie vorteilhaft ein quelltextoffenes Betriebssystem ist. Einige Zeit später machte sie sich als Tättowiererin selbstständig und ich besuchte sie ab und an in ihrem kleinen Laden um ihr bei kleinen Netzwerkangelegenheiten zu helfen. Irgendwann wollte Sie dann im Geschäftsbetrieb Linux nutzen. Jetzt, nach etwa 3 Jahren jedoch bekam ich ihr ernüchterndes Fazit: „… Ich hasse Linux jetzt endgültig“. Was war passiert?

Ich versuche hier mich so präzise wie möglich an die Geschehnisse zu erinnern und sie korrekt wiederzugeben. Nach drei Jahren bringe ich eventuell das eine oder andere Ereignis durcheinander.

Bevor ich mich um ihre Technik kümmern durfte, hatte ein anderer „Fachmann“ ihre IT weitgehend vor die Wand gefahren und wir begannen quasi bei Null. Also bestellten wir gemeinsam einen refurbished Laptop und ich zeigte ihr einige Linuxdistros, wobei für sie die IDEs am interessantesten waren, da der Rest für sie verständlicherweise Böhmische Dörfer waren. Sie entschied sich für den Cinnamon-Desktop und weil da schon ein so praktisches Linux Mint mit dranhing, spielten wir ihr das gleich auf. Nach ein paar Stunden war die Magie meinerseits gewirkt und ihr System lief reibungslos. Es druckte wenn man es ihm befahl, es scannte, wenn man es darum bat und auch Bluetooth funktionierte problemlos. Ich zeigte ihr noch die wichtigsten Funktionen wie etwa das updaten, installierte die Standardplugins wie „myBlock origin“ und „Privacy Badger“ für den Browser, schließlich legte sie wert auf ein sicheres System, und verabschiedete mich.

Etwa zwei Wochen später bekam ich eine Panikmail: Der Drucker druckt nicht und der Scanner scannt nicht! Ich mache mich so schnell mich mein Fahrrad trägt auf den Weg zu ihr ins Studio. Den Drucker davon zu überzeugen wieder zu drucken war irgendwie möglich aber dem Scanner das scannen beizubringen war ein Ding der Unmöglichkeit. Ich konnte mir nicht erklären warum er das Gerät auf einmal nicht mehr erkannte. Glücklicherweise hatte eine Kollegin einen anderen tragbaren Scanner und somit war das nicht so wild. Meine Freundin konnte diesen verwenden. Der wurde auch problemlos erkannt. Etwas irritiert machte ich mich wieder von den Socken. Schließlich hatte ich nur die Hälfte der Probleme gelöst, meine Bekannte hielt diese Lösung jedoch aus welchem Grund auch immer für ein brauchbares Workarround.

Ein bis zwei Updates später hat sie den Scanner erneut getestet und er scannte wie am ersten Tag. Alle Probleme schienen gelöst.

Dann jedoch, Panikmail: Der Drucker druckte wieder nicht! Bei Testdrucken gab er nur unbrauchbare „Gemälde“ aus. Jedoch hatte ihr Kollege weder mit seinem Windows Notebook, noch mit seinem iPad Probleme zu drucken. Ich sah mir also die Konfiguration an und entdeckte… nichts. Alles wie es sein sollte aber kein Druck ging ordentlich raus. Aus reiner Verzweiflung probierte ich es mit einem Ubuntu Bootstick aus. Darunter lief es wieder problemlos. Nach einer kurzen Diskussion mit meiner Freundin entschieden wir auf Ubuntu Mate umzusteigen. Also verwendete sie jetzt Ubuntu Mate. Der Umstieg von Cinnamon zu Mate fiel ihr trotz ihres hohen ästhetischen Anspruchs recht leicht. Alles lief also wieder und ich machte mich auf den verdienten Heimweg.

Ja, du hast richtig geraten. Wenige Tage später bekomme ich wieder eine Meldung mit der Info, dass Bluetooth jetzt ausgefallen sei. Da im Studio Bluetoothboxen für die Beschallung verwendet werden, war das äußerst bedauerlich. Nach einigen Tagen hatte ich Zeit und als ich im Laden ankam griff der Vorführeffekt. Die Boxen trällerten fröhlich ihre Musik. Offensichtlich hatte ein kürzlich durchgeführtes Update das Problem gelöst. Aber da ich schonmal da war, konnte ich mich um mehrere andere Kleinigkeiten kümmern, die sich angehäuft hatten.

So ging das dann immer wieder. Mal ging nach diesem Update der Scanner nicht, dann funktionierte der Drucker nach jenem Update nicht richtig und hier und da ging mal Blueman wieder kaputt. Einige Dinge konnte ich Remote lösen für andere kam ich in den Laden.

Ich war ziemlich begeistert von ihrer Beharrlichkeit Linux immer wieder aufs Neue zu vertrauen und sich selbst auch kreative Workarrounds anzueignen. Jedoch hat sie nun resigniert. Zuletzt, weil „Simplescan“ nur noch grobpixelige Bilder erstellte. Seit der Coronakrise habe ich mich als gefährdete Risikogruppe zu Hause isoliert und habe nicht die Möglichkeit sie in ihrem Studio zu besuchen. Es fällt mir schwer von hier aus die Peripherie zu prüfen und sie hat ehrlich gesagt auch merkbar wenig Freude daran sich wieder und wieder vom Unglücksrad der Updates überraschen zu lassen.

Pixelbreiscan, den mir meine Bekannte als Anhang einer Beschwerdemail gesandt hat. Für eine Tättowiererin unzumutbar.

Zugegeben, für jemanden, der sich mit dem Betriebssystem auseinandersetzen möchte oder jemanden, der gerne im Netz recherchiert, stellen diese Ausfälle keine größeren Probleme dar. Für jemanden der jedoch nur ein funktionierendes Betriebssystem nutzen möchte und dabei auf ein sicheres und zuverlässiges System Wert legt, sind zumindest diese Distros nicht brauchbar. Und soweit ich weiß, gelten die unter den meißten Anwendern als die Nutzerfreundlichsten, für die man auch schnell Hilfe im Netz findet.

Da sie mit Windows zwar nicht wirklich glücklich war, sie aber zumindest ihrer Arbeit nachgehen konnte, habe ich ihr nun zugesichert wieder auf die proprietäre Software zurückzumigrieren. Schade, aber so ist das Leben.

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