Wie viel Hacker steckt noch im Hackerkongress?

Es ist mal wieder so weit. Selbst die Seuche konnte uns unser gemeinsames Fest nicht nehmen. Wenn es im Winter kalt ist und schneit, ist es für mich eine alljährliche Tradition geworden mit den Menschen die ich mag zusammenzukommen und das gemeinsame Fest zu genießen. Die Räume werden festlich geschmückt und alles in bunten Farben illuminiert. Ja, Ende Dezember ist es wieder so weit. Es ist Kongress.

Zugegeben, dieses Jahr findet er, bedingt durch das Coronavirus, nicht unter dem Namen Chaos Communication Congress statt, sondern gibt sich den wunderbaren Namen remote Chaos 3xperience (rC3). Nichts desto trotz finden sich glücklicherweise fast alle alten, liebgewonnenen Gesichter wieder und wie jedes Jahr frischen auch ein paar neue Leute das Bild auf.

Was mir jedoch die letzten Jahre immer wieder auffiel war, dass beim C3 ein Wandel einsetzte. Ich bin jemand der bedingt durch Panikattacken und Misanthropie nicht auf den normalen Kongress gehen kann. Daher kann ich nur wenig über die Assemblys auf dem Kongress selbst sagen. Die Vorträge wurden jedoch in den letzten Jahren immer weniger technisch. Dabei möchte ich bitte auch nicht falsch verstanden werden. Ich finde die Themen die auf dem Kongress besprochen werden oftmals wichtig und beachtenswert. Andererseits habe ich den Kongress als einen „Hackerkongress“ kennengelernt. Die Talks waren technisch und fachspezifisch. Das habe ich zu schätzen gelernt. Es waren Vorträge, die einen mit niedlichen Titeln gelockt haben und einem dann das Hirn rausgebrannt haben. Nach so manchem Vortrag den ich interessant fand, musste ich dann schon mal im Nachgang vier fünf Stunden recherchieren um zu verstehen, was mir der Redner oder die Rednerin überhaupt sagen wollte. Abends gab es dann zumeist Gameshows, die es jedoch auch in sich hatten. Ich erinnere immer gerne an Hacker Jeopardy, das wir hoffentlich nächstes Jahr wieder auf der Bühne genießen dürfen, oder auch Nougatbytes.

Was will ich nun hier? Will ich als alter weiser Cis-Mann nun einer besseren Welt nachtrauern, in der kein Platz für politische Inhalte war? Auf keinen Fall! Der Kongress war, wie auch der CCC und viele Personen aus dem Chaosumfeld immer politisch. So war für mich unter Anderem der „FNORD-Jahresrückblick“ von Fefe und Frank immer ein wahres Highlight (Ich hoffe Ihr kommt wieder, Trump hat abgedankt). Netzpolitische Themen wie Zensur, Datenschutz und der Kampf gegen Gesetze wie §§202 StGB waren waren stets genauso vertreten wie der Kampf für politisch verfolgte Aktivist_innen wie Edward Snowden, Chelsea Manning oder Julian Assange.

Ich muss dazu sagen, dass es mich anfangs auch sehr freute, dass immer mehr politische Themen auf dem Kongress in die Talks aufgenommen wurden. Nicht nur, da sie oftmals welche waren, die mich interessierten, auch weil sie die oftmals recht harte technische Hülle aufbrachen und einem eine „Verschnaufpause für das Gehirn“ gaben. Es liegt wohl daran, dass ich über die meisten Themen bereits informiert war, da ich zu dieser Zeit noch regelmäßig das Antifaschistische Infoblatt las und auch linksunten.indymedia.org noch nicht einer Repressionsorgie anheimfiel, die es letztendes zerstörte.

Trotzdem habe ich jedoch das Gefühl, dass die politischen Themen in den letzten Jahren etwas überhand genommen haben und meine Gespräche mit langjährigen Kongressbesucher_innen und Personen die den Kongress verfolgen sehen das ähnlich. Sie vermissen, wie ich, die Talks, nach denen einem die Birne brummt. Die Talks, bei denen man sich wirklich konzentrieren muss. Die Talks die von Technikenthusiast_innen gehalten werden, denen es egal ist, dass der halbe Saal bereits gegangen ist, weil der Inhalt einfach zu hart war. Die Talks nach denen man sich klein, dumm und unbedeutend fühlte. Denn die haben mich angespornt mich reinzuhängen um zu verstehen was die Person mir erklären wollte. Die haben mich dazu gebracht nachzudenken und zu recherchieren. Manchmal aber auch dazu zu resignieren und mir einzugestehen, dass ich manches einfach nie verstehen werde.

Selbstverständlich, ich jammere hier auf hohem Niveau. Es gibt schließlich genug Leute, die sich über fehlende technische Beiträge beschweren um mit diesen Leuten auch ein kleines Event abzuhalten. Trotzdem ist es etwas, das ich nicht unkommentiert lassen wollte.

Welchen Schluss ziehe ich also daraus? Während ich den Text geschrieben habe, habe ich meine Gedanken sortieren können. Somit kann ich jetzt ziemlich sicher ein Fazit aus dem ganzen ziehen. Finde ich es also gut, dass die politischen Themen den technischen Themen langsam den Rang ablaufen? Jein. Für reine Technikfreaks sind die Talks zumindest bald nicht mehr interessant, da man in fast jedem c’t-Uplink Videocast mehr technische Inhalte vermittelt bekommt als auf der Bühne des Kongresses. Andererseits wurden durch das Öffnen gegenüber diverser Gruppen viele neue Möglichkeiten offenbart, da ein komplett neuer Zustrom an Mitstreiter_innen in die große Chaosfamilie aufgenommen wurde. Aber ja, ich persönlich würde mich wieder über mehr technische Talks freuen.

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